Intro

Hier folgt die Beschreibung der Fahrradtour, die ich mit Tatsuma Ende Juli/Anfang August 2016 unternommen habe. Zwar waren wir am Anfang und am Ende in Hamburg und haben auch ganz kurz die Bundesländer Niedersachsen und Mecklenburg-Vorpommern gestreift, im Wesentlichen waren wir aber in Schleswig-Holstein unterwegs, und deshalb heißt dieser Blog „Schleswig-Holstein 2016“.

Da der Blog bei Veröffentlichung bereits in sich abgeschlossen ist, werde ich die Beiträge, anders als ansonsten üblich, in der chronologisch „richtigen“ Reihenfolge sortieren, so dass die Aufzeichnungen zum ersten Tag ganz oben und die zum letzten Tag ganz unten stehen. Dadurch lassen sich die einzelnen Beiträge fortlaufend wie Kapitel in einem Buch lesen.

Viel Spaß beim Lesen und/oder Bilder angucken!

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Samstag, 30. Juli: Hamburg – Boizenburg (70km)

 

Mit Flixbus geht‘s inklusive der zwei Fahrräder um 7:10 ab Alexanderplatz nach Hamburg, wo wir pünktlich um 10:30 ankommen. Wetter durchwachsen: wolkig mit ganz gelegentlichem Sonnenschein. „Seewetter“ nennt man das wohl. Wir fahren nach St. Georg rein und frühstücken in einem ein klitzekleines bisschen zu hippen Laden namens „Arepa Café“ am Hansaplatz. Es gibt dort ein leckeres kleines Frühstück, das auf faksimiliertem kubanischem Zeitungspapier serviert wird. Bahnhof, Drogen, Alkis – aber St. Georg goes fashion… wer hätte das gedacht! Der Kellner überschlägt sich vor Freundlichkeit. Nach dem Frühstück mit dem Fahrrad Richtung Süden raus, mit Zwischenstopp bei einem Real Supermarkt, wo ich eine große Dose Imprägnierspray kaufe, während Tatsuma draußen wartet. Wie sinnvoll diese Investition ist, zeigt sich, als ich nach 5 Minuten aus dem Supermarkt komme. Draußen gießt es plötzlich in Strömen. Tatsuma besprüht akribisch seine Satteltasche, seine Schuhe, meine Schuhe und alles andere, was ihm besprühenswert erscheint, auch die Pedale hätte er besprüht, aber das halte ich für keine so gute Idee.

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Als der Schauer vorbei ist, geht es weiter auf irgendwelchen farblosen Magistralen Richtung Elbe – wir sind etwas orientierungslos und finden nicht auf Anhieb den richtigen Einstieg in unsere Tour. Dann endlich sind wir richtig: In der Nähe der Elbbrücken geht es zum Elbpark Entenwerder runter, und von dort führt eine Brücke zum Deich hinüber (Kaltehofe Hauptdeich), an dessen Rand entlang es sich ganz wunderbar autofrei auf breiter asphaltierter Straße fahren lässt, vorbei an kleinen künstlichen Pools, an deren Rändern kleine Klinkertürmchen stehen, die wie Miniaturpagoden aussehen – Teile einer „Wasserkunst“, deren Zweck rätselhaft bleibt. Das Wetter ist auf einmal super. Dicke Wolken zwar, aber sonnig. So geht‘s flott bis Moorfleet. Dort trifft der Weg auf eine größere Straße (Tatenberger Weg), die über eine Brücke nach Süden führt, und prompt ist man in Vierlande. „Vierlande“ – die Gegend heißt also genauso wie eine der vier japanischen Hauptinseln: Shikoku 四国. Shikoku ist jene Insel, von der aus wir zu unserer Fahrradtour über den Shimanami Kaido aufgebrochen sind, die Tour, die uns über sieben Brücken über die japanische Inlandsee nach Honshu führte.

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Hinter der Brücke geht es gleich links auf den Tatenberger Deich, dem wir immer weiter folgen, bis er schließlich zum Ochsenwerder Norderdeich wird. Irgendwann kommt das Landhaus Voigt, wo ich vor 3 Jahren im Herbst mit Ralf auf einer Fahrradtour Station gemacht habe und wo wir damals ein zünftiges Stück Wild mit Pilzen verspeisten. Es ist zwar 13 Uhr, also Mittagszeit, aber wir sind noch nicht hungrig und sehen daher davon ab, hier erneut Station zu machen.

Tatenberger Deich

Allerdings ziehen gerade auch bedrohlich dunkle Wolken von Südwest heran, die man evtl. besser bei einer Pause abwarten sollte… Wir fahren trotzdem weiter. Als die Wolken wirklich völlig schwarz und regenschwanger über uns hängen, stellen wir uns bei „Paddel-Meier“ unter, einem Bootsverleih am Wegesrand, wo wir unter einer Markise Schutz finden und, als der Regen heftig losprasselt, zwei Schöfferhofer Grapefruit trinken. Nach 15 Minuten ist auch dieser Schauer vorüber, und es geht weiter. Wir müssen uns aber bald erneut unterstellen, diesmal in einem überdachten Vorgarten neben einer Garage bei einem Privathaus – der Hausherr fährt gerade mit seinem BMW raus und grüßt freundlich. Wir essen ein bisschen von unserem mitgeführten Proviant: Brot und Schinken – bis der Regen aufhört. Anschließend fahren wir bis zur Abzweigung Neuengammer Heerweg, und dann auf diesem Weg bis zur Gedenkstätte KZ Neuengamme. Wieder kommt die Sonne raus. Wir schauen kurz über das südliche Gelände und verweilen eine halbe Stunde im dortigen Ausstellungsgebäude. Das KZ-Gelände ist riesig, viel größer, als ich erwartet hätte, und die Ausstellung durchaus detailreich. Zu komplex, um sich bei einem so kurzen Besuch einen umfassenden Überblick zu verschaffen, aber einen grundsätzlichen Eindruck nehmen wir mit.

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Gedenkstätte Neuengamme

Als wir das Gebäude verlassen, ziehen wieder dunkle Wolken auf. Wir müssen uns im Bushäuschen neben dem Eingang zur Gedenkstätte unterstellen, während ein weiterer wütender Schauer über uns niedergeht. Selbst im Bushäuschen können wir uns nicht komplett vor der aus allen Richtungen heranstürmenden Nässe schützen. Aber auch dieses Unwetter dauert nur zehn Minuten, und dann geht es weiter zur Hauptstraße und von dort zur Elbe. Am Elbufer stoßen wir auf die vielen anderen Elbradwegradler, u.a. eine Gruppe, die ihre Hunde in Kinderanhängern mit sich führt. „Diese Hunde sind nicht sehr fleißig“, stellt Tatsuma fest. An dieser Stelle (Altengammer Hauptdeich) ist die Elbe breit, der Deich funktional und die Straße langweilig, vorher, in den Vierlanden gab es viele schöne alte und zumeist aufwändig renovierte Klinkerhäuschen entlang des Weges, dazu exakt gestaltete Vorgärten mit sauber geschnittenen Blumenrabatten und millimetergenau gemähten Rasenflächen. Reichtum kann Spießertum nicht übertünchen.

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Am Horster Damm passieren wir die Grenze zwischen den Bundesländern Hamburg und Schleswig-Holstein. Die Straße nach Geesthacht wird ausgebaut und ist für PKWs gesperrt, aber mit dem Fahrrad kommt man an der Baustelle vorbei. Kurz vor der Baustelle das Schild „Schleswig-Holstein“ und gleich daneben ein Schild: „Achtung. Straßenschäden“. Tatsächlich wird die Straße hier erst einmal wesentlich schlechter. Es geht an einer Schleuse vorbei, dahinter liegt Geesthacht, das wir südlich umrunden. Die Innenstadt lassen wir sozusagen links liegen. Stattdessen essen wir in einem absolut klischeehaften Imbiss neben der örtlichen Schwimmhalle Backfisch mit Kartoffelsalat und trinken dazu zwei kleine Warsteiner. Hier gefällt es uns sehr gut: das Ambiente wirkt museal und ist dennoch authentisch. Imbiss „Am Freibad“ – seit 40 Jahren (wie ein Schild verkündet). Draußen Jugendliche in Badehose und barfuß – bei DEM kalten Wetter!

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Wir umrunden das Freibad südlich direkt am Elbufer entlang und folgen dann der Straße, die uns unvermittelt zum AKW Krümmel führt. Der Meiler steht völlig unvermittelt an der Landstraße und wirkt wie eine Erscheinung. Ab jetzt wird das Wetter immer besser, und gegen Abend vergoldet sich das Licht. Wir fahren, zum Teil auf ziemlich wassergesättigten Feldwegen am Elbufer entlang bis Tesperhude. Tesperhude ist offenbar ein beliebtes Ausflugsziel mit entsprechenden Lokalen. Auf einem Informationsschild am Wegesrand werden Sehenswürdigkeiten der Umgebung beworben, u. a. eine Begräbnisstätte der Bronzezeit (ein sogenanntes „Totenhaus“) etwas nördlich am Waldrand. Tatsuma möchte die Stelle sehen und wir müssen, um dorthin zu gelangen, die Räder den „Berg“, zu dem sich das Hinterland der Elbe hier aufwirft, hochschieben. Es ist bereits 17 Uhr und die Zeit wird etwas knapp. Offiziell haben wir uns für 20 Uhr in unserem Quartier in Boizenburg angekündigt – bis dort sind es noch 20 Kilometer und vorher wollen wir in Lauenburg zu Abend essen. Wir kämpfen uns über morastige Waldwege bis zur archäologischen Stätte, wobei zunächst eine Bundestraße gequert werden muss. Die Fundstätte ist tatsächlich ganz interessant – man hat vor mehr als 3000 Jahren an dieser Stelle über einem Gerüst aus 12 Baumstämmen ein Dach errichtet und in diesem provisorischen „Haus“ eine verstorbene Persönlichkeit aufgebahrt. Anschließend wurde das Haus angezündet und so zum Scheiterhaufen, in dem der Tote verbrannte. Der Hintergrund des Rituals bleibt im Dunkeln. Man sieht die Löcher, in die die Baumstämme getrieben wurden, sowie Steinhaufen, die den Aufbahrungsplatz des Toten markieren.

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Von hier geht es durch den Wald zur Bundesstraße und dann im Eiltempo nach Lauenburg. Beim örtlichen Lidl kaufen wir Nüsse und eine Flasche Wein und fahren dann über die äußerst steilen und holprigen Kopfsteinstraßen der Lauenburger Altstadt ans Elbufer hinunter. Im Abendlicht wirkt alles sehr malerisch. Da es in Boizenburg wohl kaum eine ausreichende Auswahl an Restaurants geben wird, beschließen wir, trotz der damit einhergehenden Verspätung erstmal in Ruhe in einem der Lauenburger Altstadtrestaurants zu essen. Zumal bei dem schönen Abendlicht. Unsere Wahl fällt, etwas beliebig, auf das Gasthaus „Schifferbörse“, wo es Scholle und Zanderfilet gibt, natürlich mit Bratkartoffeln. Das Restaurant etwas bieder, fast schon mit einem Hauch renovierter DDR, das Essen ordentlich, nicht außerordentlich.

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Die Elbe bei Lauenburg
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Elbbrücke Lauenburg

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Kurz nach 8 brechen wir zur letzten Etappe auf, nach Boizenburg. Zunächst führt der Weg sehr nett an Schleusen und Weiden vorbei, danach aber geht es etwas uninspiriert an der sehr geraden Bundesstraße 5 entlang, wobei der Fahrradweg teilweise von Nacktschnecken übersät ist, was im Zwielicht und bei einsetzender Müdigkeit zu einer lästigen Kurverei führt. Aufgrund des Schneckenslaloms verlangsamt sich unser Tempo deutlich. Hinzu kommen einige überraschende Steigungen. So erreichen wir erst nach einer Stunde etwas ausgelaugt unser Ziel Boizenburg. Die Unterkunft („Haus Luise“) ist dann allerdings wieder sehr nett. Weil die Vermieter unterwegs sind, zeigt uns eine Nachbarin die Zimmer. Da sie schon kräftig dem Weißwein zugesprochen hat (möglicherweise eine Folge des langen Wartens auf uns), ist sie sehr fröhlich und gesprächig. Boizenburg wirkt auf den ersten Blick – und im Vergleich mit Lauenburg – etwas verwahrlost, aber das Stadtzentrum mag für die Tristesse der Ausfallstraßen entschädigen – das werden wir morgen herausfinden. Wir sind etwas zu erschöpft, um ganz glücklich zu sein, trinken dann aber doch sehr zufrieden noch ein Glas Wein und versuchen uns in Planungen für den nächsten Tag. Erst um 1 fallen wir ins Bett und sind dann rasch entschlummert.

HH - Boizenburg

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Sonntag, 31. Juli: Boizenburg – Mölln (40km)

Um 9 klingelt der Wecker. Am Frühstückstisch eine ca. 50jährige Frau, die ebenfalls als Radfahrerin hier zu Gast ist. Sie stellt sich als in Amerika (Vermont) lebende Deutsche vor. Sie will etwas Journalistisches über den Radweg an der ehemaligen deutschen Grenze machen und hat viele Fragen an uns. In Vermont arbeitet sie für einen Reiseveranstalter, der unter anderem auf die Organisation von Konzertreisen spezialisiert ist, daher sofort ihr großes Interesse, als sie erfährt, dass Tatsuma Orchesterdirigieren studiert. Sie erzählt, dass sie, bevor sie nach Boizenburg kam, in Ratzeburg Station gemacht hat. Der Wirt ihrer Pension in Ratzeburg sei von Anfang an irgendwie komisch gewesen, so erzählt sie uns, er habe andauernd und ausgiebig telefoniert, und zwar so laut, dass jeder Gast in der Lobby und im Ausschank seine Gespräche zwangsläufig mitanhören musste. Den Äußerungen des Wirtes während dieser Telefonate sei unzweideutig zu entnehmen gewesen, dass er ein strammer Gefolgsmann der AfD ist. Ich hatte tatsächlich gestern Abend beim Recherchieren nach möglichen Unterkünften die Webseite dieser Pension gesehen und fand den Internetauftritt rätselhaft weitschweifig und larmoyant, also eigentlich äußerst unpassend für ein Hotel. Die Pension heißt Hotel Heckendorf und wenn man danach im Internet sucht, dann stimmen alle Berichte mit den Aussagen der Dame aus Vermont überein. Nun wissen wir ja Bescheid, und werden natürlich keinesfalls dort absteigen. Spießer und Nazis – was für eine Gegend! So wird beim Frühstück viel geredet, bis sich unsere Zimmernachbarin schließlich verabschiedet.

Marienkirche Boizenburg
Marienkirche Boizenburg

Der Himmel ist grau, und gegen 10 setzt ein ausgiebiger Regen ein. Das sind jetzt keine Schauer mehr, das ist ein veritabler ausdauernder Landregen, mal als Nieselregen, mal als kalte Dusche. Es regnet Bindfäden, wie man so sagt. Wir packen unsere Sachen, langsam und angesichts des Regens ohne jegliche Eile. So geht es erst um halb 12 hinaus – wo es immer noch nieselt. Unsere Gastgeber verabschieden uns sehr herzlich, und wir fahren zunächst in die Altstadt von Boizenburg. Der Ortskern ist tatsächlich ganz ansehnlich, ein paar Gässchen mit kleinen Ziegelhäuschen und Blumen davor – Boizenburg ist so etwas wie die kleine, etwas verwahrloste und weniger mondäne Schwester von Lauenburg. Als wir am Marktplatz ankommen, wird der Regen schon wieder heftiger. Wir stellen uns am Rathaus unter. Dann, als es wieder weniger regnet, schlendern wir zur Ortskirche hinüber, ein schlichter, aber durchaus eleganter Klinkerbau, wie er für diese Gegend wohl typisch ist – drinnen eine Art Mezzanin, umlaufend eingezogen in das alte Kirchenschiff, auf dem sich eine Tischtennisplatte und ein Kickertisch befinden. Unten beten, oben krökeln – das ist gewagt! Ansonsten ist die Kirche auch innen sehr schlicht gehalten, aber es gibt ein schönes Altarbild.

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Draußen immer noch leichter Regen, wir fahren ein wenig richtig Ortsrand und müssen uns bald schon erneut unterstellen, da der Regen wieder kräftiger wird. Und es ist nicht absehbar, wann er endet. Wir ziehen die Regensachen an und dann fahren wir einfach durch diesen fiddeligen Regen weiter. In den Feldern außerhalb der Stadt wird es dann aber trockener – dafür ist der Boden entweder sandig oder durchweicht. Der Regen lässt nach und jetzt, in diesem trüben Licht, sehen die reifen Kornfelder unter dem grauen Himmel eigentlich ganz schön aus. Es geht über Seitenpfade, die nicht mal auf den Kompass-Wanderkarten, die Ralf uns geliehen hat, verzeichnet sind (nur Google Maps kennt diese Wege!) Richtung Gehrum, und von dort auf der befestigten Landstraße nach Nostorf. Hier zeigt sich erstmals die Sonne und so können wir uns hocherfreut unserer Regenhaut entledigen. Dann geht es über einen Verbindungsweg an Seen vorbei nach Zweedorf und dort über den ehemaligen Todesstreifen (kaum auszumachen, wo er genau verlief) zum Elbe-Lübeck-Kanal, den wir kurz vor Dalldorf überqueren. Weiter am Kanal entlang (auf der Westseite), bis kurz vor Büchen. Dann in den Ort hinein. Wir haben uns vorgenommen, dort eine Rast mit Kaffee und Kuchen zu machen, aber der Ort wirkt geradezu herausfordernd trostlos, und intensive Recherchen im Internet ergeben, dass es in Büchen gar keine Cafés gibt. Erstaunlich. Wir pausieren bei einer Art Bäcker im „Ortskern“, wo es immerhin etwas Blech- und Streuselkuchen gibt, aber für den großen Laden ist das Angebot auch ausgesprochen mau – und der Latte Macchiato, den sie uns servieren, ist einfach nur schlecht und verbrannt. Während wir Kaffee und Kuchenteilchen verzehren, versuchen wir, eine Unterkunft für die Nacht zu organisieren, am besten in Mölln. Nach längerem Stöbern im Internet stoße ich auf eine Pension namens Waldeslust, günstig gelegen in der Nähe des Kurparks von Mölln. Ich rufe dort an – und wir haben Glück: es ist ein Zimmer frei – für 66 Euro inkl Frühstück. Genau das, was wir wollten. Einzige Bedingung: Wir sollen bis 18:30 dort sein, weil eigentlich Ruhetag ist, so dass man uns bei späterer Ankunft nicht mehr einlassen würde. Es ist 16 Uhr, bis Mölln sind es nur noch 20 km, also eigentlich kein Problem. Aber eigentlich wollten wir uns nicht schon wieder unter Zeitdruck setzen lassen, nachdem wir gestern schon mit reichlich schlechtem Gewissen erst so spät in Boizenburg angekommen sind.

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Am Elbe-Lübeck-Kanal
Am Elbe-Lübeck-Kanal

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Wir fahren erstmal wieder ostwärts über den Kanal nach Büchen-Dorf, wo wir uns den Friedhof rund um die alte St. Marien-Kirche etwas genauer ansehen. Viele Namen leiten sich von Berufen ab: Die hier begrabenen Menschen heißen Müller oder Meier oder Wagner oder Zimmermann. Auch dieser Ortsteil wirkt wie ausgestorben. Ein elegant gekleideter Mann mit Sonnenbrille kommt uns auf dem Friedhof entgegen. „Ist dies die Marienkirche?“ fragt er. Wir bejahen. Er nickt, dreht sich um und steigt in einen offenen Sportwagen, mit dem er ins Nirgendwo abrauscht. War dies eine Erscheinung? Oder war der Mann ein Spießgeselle von Bill, einer, der aus unvorhergesehenem Grund zu spät zur Trauung der Braut kam und somit die große Schießerei verpasste? Die Frage bleibt ungeklärt.

St. Marien Kirche in Büchen-Dorf
St. Marien-Kirche, Büchen-Dorf

Dann geht es weiter auf einer schönen Straße Richtung Fitzen. Fitzen ist ebenfalls ein Ortsteil dieses trostlosen Backwaters Büchen, wobei es in Fitzen immerhin ein paar Menschen auf der Straße und noch mehr Pferde in den Koppeln gibt. Von dort geht es auf einer asphaltierten Straße ostwärts, bis wir auf die große Landstraße stoßen. Hier dichter Wald, vor allem Nadelhölzer, eindeutig Nutzwald, und die Landstraße ohne Fahrradweg, nicht sehr angenehm zu fahren. Vor dem Ort mit dem schönen Namen Göttin biegen wir auf einen Waldweg ab, der sich dann als veritabler Reiterpfad mit entsprechender Aufgeweichtheit des Untergrunds erweist – wir müssen teilweise schieben, weil es so morastig ist – und das macht uns müde. Der Ort Göttin ist abgeschieden, besteht aber aus beeindruckend großen Gehöften. Schon des Namens wegen wollten wir unbedingt nach Göttin, denn, ich muss diesen Scherz leider machen: bislang kennen wir ja nur Göttingen…

Düsterer Wald zwischen Fitzen und Göttin
Düsterer Wald zwischen Fitzen und Göttin

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Von hier geht es auf einer netten Straße durch Waldstücke und an Feldern entlang, schließlich an einem Golfplatz vorbei bis Grambek. Und wieder beginnt uns die Zeit davonzulaufen, und die Müdigkeit wird immer größer. Aber es geht weiterhin nur langsam voran. Hinter Grambek gibt es zwar einen guten Fahrradweg, aber plötzlich auch wieder Schnecken, und Tatsuma fährt langsam und sehr aufmerksam, damit er keine überfährt. So werden die letzten Kilometer zum Geduldsspiel. Zum Glück streckt sich Mölln weit nach Süden aus, und sobald wir das Ortsschild passiert haben, ist die Schneckenplage vorbei und man kann wieder kraftvoll zufahren.

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Das letzte Stück unseres Weges führt uns durch Altstadt und Kurpark und gibt einen Vorgeschmack auf die Möllner Idylle. Ziemlich pünktlich um 18:15 sind wir am Ziel. Die Pension Waldeslust liegt tatsächlich am Waldrand, sehr ruhig, das Haus alt, etwas verlebt und mit knarzigen Treppen und Dielen. Man begrüßt uns freundlich, die Fahrräder werden in einer Garage verstaut und wir sitzen erstmal etwas erschöpft auf dem Zimmer. Wir trinken ein Glas Wein und essen noch die Vorräte auf, die ich vorgestern für die Reise eingepackt hatte: Möhren, Tomaten, Käse, etwas Brot. Dann geht es im schönen Abendlicht in den Ort hinein, vorbei am teichartig ausufernden Wallgraben zum Mühlenplatz, dann auf den Kirchberg mit St.-Nicolai-Kirche, dem Rathaus und dem Eulenspiegelbrunnen anbei. Alles sehr gediegen und schön mittelalterlich. Auf dem Marktplatz entziffern wir die Inschriften auf den Fachwerkhäusern und diskutieren deren Bedeutung, wofür wir fast 20 Minuten brauchen, was aber sehr nett ist und zu umfassenden Erläuterungen über den Bedeutungswandel vieler Verben und Adjektive im Deutschen Anlass gibt. Dann werfen wir noch kurz einen Blick auf den Stadtsee, einem der vier miteinander verbundenen Seen, die die Nordseite des Ortes markieren und schlendern ein wenig die zentrale Marktstraße hinunter. Mölln ist wie ausgestorben – auf der zentralen Straße der Altstadt steht die Hälfte der Ladengeschäfte leer. Eine schön herausgeputzte, aber anscheinend tote Stadt.

Mölln, Am Wall
Mölln, Am Wall
Mölln, Am Markt
Mölln, Am Markt
Mölln, Stadtsee
Mölln, Stadtsee

Die Auswahl an Speiselokalen ist sehr überschaubar. Wir entscheiden uns für das zentrale Café-Restaurant direkt gegenüber vom Eulenspiegelbrunnen am Marktplatz (Café am Markt). Es gibt dort am Platz auch noch einen Griechen („Bei Kosta“), wie es überhaupt überraschend viele griechische Restaurants in dieser Gegend gibt. Das Café am Markt ist innen sehr urig, in einem alten Bauernhaus, dessen Räume so groß sind, dass man noch eine Zwischendecke eingezogen hat, um mehr Platz für Gäste zu schaffen. Auf dem Zwischenboden ist freilich bedenklich wenig Platz, vor allem muss man aufpassen, dass man sich den Kopf nicht an der Deckle stößt. Alles ist auf sympathische Art irgendwie schief und verzogen in diesem Gebäude: Wände, Türen, Fenster, Balken, selbst der Fußboden der Zwischendecke – das trägt sehr zur Atmosphäre bei. Wir bestellen Schweinslende mit Pilzpfanne und Bratkartoffeln und einen mächtigen Sommersalat, der wirklich alles enthält, was der Sommer bietet: karamellisierte Möhren, Blattsalate, Melonenstücke, Granatapfelkerne, Erdbeeren, auch zwei kleine angebratene Ziegenkäse – alles sehr schmackhaft. Dazu dunkles Bier. Müde und sehr zufrieden kehren wir ins Hotel zurück.

Boizenburg - Mölln

Montag, 1. August: Mölln – Lübeck (43km)

Der Wecker klingelt um 8:45. Da Tatsuma nicht aus dem Bett kommt, gehe ich gegen viertel nach 9 allein zum Frühstücken nach unten. Der Gastraum/Frühstücksraum ist ein Museum der 50er Jahre – selbst die wenigen anderen Gäste wirken museal und reden in diesem leicht gedämpften Singsang, den man aus sterilen Kaffeehäusern kennt, wo zu wenig Menschen in zu großen Räumen verkehren – noch dazu ohne die übliche klassische Hintergrundmusikdudelei. Die Wirtin, die hier bedient (sie ist aber nicht die Chefin des Ladens) mit leicht blond getönten aufgesteckten Haaren im Stil der Generation meiner Großmutter. Die einzelnen Tische sind fürs Frühstück eingedeckt – die Zimmernummern stehen auf den Tischen. Hier herrscht also Ordnung und die Wirtin schaut mich fast ein bisschen missbilligend an, als ich alleine auftauche. Ihr Blick sagt so viel wie: Zimmer 16 tritt nicht ordnungsgemäß in voller Formation zum Frühstück an. Typisch Großstädter. Als Tatsuma um 9:35 immer noch nicht unten ist, gehe ich ihn wecken. Um 9:55 bietet mir die Wirtin einen weiteren Kaffee an, weist mich aber dann um 9:58 darauf hin, dass wir um 10:00 auszuchecken haben – also natürlich nicht so direkt, sondern mit wohlgewählten Worten: „Sie wissen aber, dass Sie um 10 Uhr auschecken müssen …“ Schön, dass das wahre Deutschland hier noch am Leben ist, oder anders gesagt: In Mölln ist die Welt noch in Ordnung (was ja seinerzeit auch Till Eulenspiegel schon erkannt hat). Und natürlich werden wir nicht um 10 Uhr auschecken – wir haben ja noch nicht einmal unsere Sachen gepackt. Und in Wirklichkeit hat hier auch niemand große Eile. Es geht einfach ums Prinzip, das sehe ich sofort ein.

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Teppichboden in der Pension Waldlust, Mölln

Wir beeilen uns dennoch ein wenig beim Packen unserer Sachen und sind um halb 11 bei den Rädern. Noch scheint die Sonne. Wir fahren bergauf zum Wasserturm – ich telefoniere kurz mit Henning, der heute Geburtstag hat, bzw. ich telefoniere mit Bettina, weil Henning telefoniert (mit anderen Gratulanten). Dann fahren wir wieder zum Marktplatz und besuchen kurz das Till-Eulenspiegel-Museum, das zwar kindgerecht gemacht ist, aber doch auch etwas einfallslos. Im Wesentlichen hat man dort relativ beliebig irgendwelche Kuriosa versammelt. Schwer zu sagen, ob es sich um eine private oder eine städtische Einrichtung handelt. Am Eingang und in der Ausstellung laufen vergleichsweise dilettantisch gemachte Videos, in denen von hölzern agierenden Schauspielern der Bezug von Eulenspiegel zu Mölln erläutert wird. Als wir die Ausstellung verlassen, schauen wir noch schnell den Eulenspiegelstein an der Kirchenmauer von St. Nicolai an, den wir gestern Abend übersehen hatten – es beginnt zu regnen. Wir fahren zur Marktstraße runter und stellen uns dort vor einem der vielen leerstehenden Ladengeschäfte unter. Es regnet fast eine halbe Stunde. Tatsuma merkt an, dass in dem Museum Richard Strauss‘ Eulenspiegel-Komposition nicht erwähnt wird. Ich meinerseits vermisste Hinweise auf filmische Adaptionen des Eulenspiegelstoffes. Zumindest die DEFA-Verfilmung unter der Regie von Rainer Simon, die auf einem Treatment von Christa und Gerhard Wolf basiert, hätte man wohl erwähnen sollen. Um die Zeit zu überbrücken, hören wir mit dem Handy ein wenig in Strauss‘ Eulenspiegelkomposition hinein, aber wegen Verkehrslärm plus Regengeprassel ist das akustisch kein großes Vergnügen.

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Wasserturm in Mölln

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Als der Regen vorbei ist, fahren wir nördlich aus dem Ort hinaus und dann auf der B 207 auf direktem Wege nach Ratzeburg. Die erste Hälfte der Strecke führt durch Wald und ist etwas bergig – und ohne Radweg. Wir fahren sehr zügig, so dass wir in Windeseile zum Ort Schmilau gelangen. Ab dort Radweg und bequemeres Fahren, allerdings zieht nochmal Regen auf, der uns dazu zwingt, uns abermals für ein paar Minuten in einem Bushäuschen an der Landstraße unterzustellen. Dann weiter bis Ratzeburg, wo bereits die Sonne scheint. Wir fahren direkt auf die Insel mit Altstadt, Kurpark, Kloster und Barlachhaus. Der Kurpark eher uninteressant und das Barlach-Haus geschlossen, weil ja Montag ist. Die Nordseite der Insel ist wesentlich ansprechender (Dom, Kloster und Umgebung). Im Dom einige schöne Details, alles schlicht, einige Reste einer barocken Ausstattung. Der Kreuzgang dahinter leider geschlossen – der Friedhof vor dem Dom schön und mit leuchtenden Blumen zwischen den Gräbern. In der Nähe der Domtür befindet sich ein Bienenstock und daneben eine Schrifttafel mit einem Text aus dem 9. Jahrhundert. Wir sind hungrig und haben Kaffeedurst – oder genauer gesagt: wir sind sogar SEHR hungrig. Ein Café in der Nähe des Domplatzes hat leider geschlossen – weil Montag ist. Ansonsten bietet der Ort kulinarisch NICHTS – und so enden wir in einem pseudo-italienischen Restaurant mit einer Mittagsmenükarte, die Pilzpfanne und „persisch“ gewürzten Brokkoliauflauf bietet, nicht einmal besonders günstig und dennoch alles nur aufgewärmt aus der Mikrowelle. Wir spülen den Fraß mit Bier runter. Gleichzeitig suchen wir eine Übernachtungsmöglichkeit in Lübeck, was sich dann doch schwieriger gestaltet als erwartet. Da das Internet an diesem Ort eher schlecht funktioniert, fahren wir an den westlichen Rand der Insel und setzen die Suche in einem Eiscafé fort. Das Eismachen sollten die Deutschen freilich lieber den Italienern überlassen. Alles schmeckt süß und klebrig. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Ratzeburger das Kochen ebenso wenig erfunden haben wie das Zubereiten von Süßspeisen. Angemessenerweise ist der Ratzeburger an sich auch ein eher unfreundlicher Zeitgenosse. Aber vielleicht liegt alles auch nur daran, dass heute Montag ist. Diese Stadt hat irgendwie den Blues: geschlossene Museen, geschlossene Kreuzgänge, geschlossene Cafés und verschlossene Gesichter. Alles fügt sich. Meinem Handy geht mittlerweile der Saft aus – und noch immer haben wir kein Hotel in Lübeck gefunden. Mit dem letzten Tröpfchen Strom auf Tatsumas Handy finden wir schließlich ein funktionales Hotel am nördlichen Stadtrand von Lübeck zu angemessenem Preis, wo wir telefonisch für zwei Nächte reservieren. Wegen der langen Hotelrecherche kommen wir schließlich erst um 17 Uhr von Ratzeburg aus weiter. Die Stadt Ratzeburg wird mir in höchst zwiespältiger Erinnerung bleiben, potentiell unangenehm. Schöne Grüße an die AfD.

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Ratzeburger Dom

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Domfriedhof

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Es geht dann in einem gut ausgeschilderten Waldweg am Westufer des sehr lang gestreckten Ratzeburger Sees entlang. Leider tauchen jetzt wieder die Schnecken auf (die Schneckenplage scheint irgendwie an die Tageszeit gekoppelt zu sein – oder anders gesagt: Schnecken fangen erst um 17 Uhr zu arbeiten an) und Tatsuma kommentiert beim Vorbeifahren jede einzelne Schnecke mit einem „Uaa“ lautenden Seufzer. Treten die Schnecken im Verband auf, also in Gruppen von 4 oder 5 ineinander verknäuelt, wird aus dem „Uaa“ ein „Ooooo“. Da wir diesmal keinen großen Zeitdruck haben, was unsere Ankunft betrifft, fahren wir eben entsprechend langsam. Obwohl es am See ganz schön ist, wird der Weg auf 10km Länge doch irgendwann auch ein bisschen langweilig.

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Schließlich verlässt man den See, und es geht über kleine Pfade unter der Autobahn hindurch. Dort, direkt neben der Autobahn, eine als „Aussichtspunkt“ apostrophierte Böschung, von der man freilich nicht auf den See, sondern nur auf die Autobahn blicken kann. Sehr bizarr. Aber immerhin: Im goldenen Abendlicht und angesichts eines mit tollen Wolkenformationen aufwartenden Himmels wirkt auch die Autobahn sehr malerisch. Es geht weiter den Schildern nach, die uns vorgeblich nach Lübeck, tatsächlich aber irgendwie über Umwege in die Wakenitzer Sumpflandschaft hineinführen (Schnecken! Und später außerdem noch: Mücken!). Dann ab Stadtrand Lübeck endlich wieder Straße und dann geht es auch sehr schnell: Über die Mühlenbrücke hinein in die Altstadt, und am Holstentor wieder hinaus, von dort weiter nordwärts bis zum Hotel, zu dem man am Bahnhof vorbei über eine große Ausfallstraße gelangt. Es ist 20 Uhr, als wir dort ankommen. Das Hotel heißt „Herrenhof“ – ein etwas pompöser Name für eine 08/15-Absteige an der Auffahrt zur A1, deren Kunden in der Mehrzahl Bauarbeiter auf Montage sein dürften. Aber für unsere Bedürfnisse ist es hier vollkommen okay. Das Zimmer ist schlicht, sauber und sehr funktional

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Wir ruhen kurz aus und brechen gegen 21h wieder auf, weil wir zwar nicht hungrig sind, aber doch noch etwas essen müssen. Die alternativ angehauchte Gastwirtschaft in der Remise in der Wahmstraße, die in dem von mir mitgeführten Reiseführer empfohlen wird, hat leider geschlossen (auch Lübeck hat seinen Blue Monday…) – andere Lokale in der näheren Umgebung Wahmstraße / Hüxstraße / Fleischhauerstraße sehen zwar nett und gemütlich aus, entpuppen sich aber als reine Kneipen ohne Essensangebot. Also fahren wir in großem Bogen um die Marienkirche herum und dann wieder die Mühlenstraße hinunter – erst am Südtor der Altstadt findet sich schließlich ein akzeptabler Italiener („San Marco“), wo wir eine Vorspeisenplatte essen und je ein Bier trinken. Dieses „San Marco“ ist ein extrem großräumiges, kulinarisch keinesfalls umwerfendes Restaurant, das aber zum Glück auch nicht besonders teuer ist. Trotzdem sind wir ein bisschen enttäuscht, dass es uns nicht gelungen ist, im feinen Lübeck ein besseres Lokal zu finden.

Gegen 23 Uhr kehren wir in den „Herrenhof“ zurück. Es ist recht frostig geworden und wir sind froh, als wir im Hotel ankommen. Die Räder müssen wir draußen an der Laterne anschließen, da es im Hotel selbst keine Abstellmöglichkeiten gibt.

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Im Ratzeburger Dom

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Dienstag, 2. August: Lübeck

Damit wir endlich mal lange schlafen können, haben wir das Frühstück im Hotel für diesen Tag abbestellt. Dies führt dazu, dass wir im Endeffekt erst um 12:30 Uhr aufstehen – an einem herrlichen Sommertag mit wunderbarem Sonnenschein und blauem Himmel und nur einigen Wölkchen dazwischen. Mit den Fahrrädern fahren wir in die Innenstadt, wo wir im Café Hansehof in der Wahmstraße in einem beschaulichen Hinterhof frühstücken. Dies ist die Gegend der kleinen verwinkelten Gänge und Hinterhöfe, die von den größeren Straßen mit ihren repräsentativen Klinkerfassaden aus abzweigen und oft herrlich mit den prächtigsten Blumengärten ausgestattet sind. Bei der schönen Sonne ist alles eine Augenpracht. Es gibt Bacon und Eggs und leckere Brötchen, leckere Marmeladen, Schwarzbrot und Käse, dazu Cappuccino. Wir sind sehr zufrieden und fühlen uns wohl. Den Gesprächen am Nachbartisch müssen wir entnehmen, dass bereits morgen das Wetter wieder schlechter werden soll. Prognose: 100% Regenwahrscheinlichkeit. Aber heute ist heute. Der Tag ist wunderbar.

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Nach dem Frühstück fahren wir zum alten Markt, stellen die Räder dort ab und gucken kurz am Rathausgebäude entlang, dann geht es zur Marienkirche. In der Marienkirche, die schon durch ihre Größe und die gotischen Dimensionen beeindruckt, gibt es viel zu sehen. Wir forschen dem Totentanz nach, von dem freilich an den Wänden keine Spur zu finden ist (Kriegsschaden?), sehen uns das Nagelkreuz von Coventry an, sowie die Trümmer der beim Bombenangriff herabgestürzten Glocke, betrachten die zwei Orgeln, lesen auf diversen Gedenktafeln über Johann Sebastian Bachs Besuch bei Dietrich Buxtehude (der seinerzeit Organist der Marienkirche war) und Tatsuma studiert auf im Kircheninnern aufgestellten Schautafeln eifrig die Geschichte der Lübecker Organisten, während ich mich in die geschichtliche Entwicklung des Bauwerks vertiefe.

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Von Sankt Marien aus laufen wir zu Sankt Peter hinüber und fahren dort mit dem Fahrstuhl auf den Turm. Schöne Aussicht dort, aber die Stadtstruktur ist eigentlich klar, und von unten sehen die Häuser einfache besser aus, also gibt es keinen Grund, hier länger zu verweilen. Dann zu Fuß weiter zum Dom. Vorher noch ein Abstecher in die katholische Kirche Herz Jesu, die am Weg liegt, und in deren Krypta sich eine Gedenkstätte für die „Lübecker Märtyrer“ befindet, eine Gruppe Lübecker Priester, die Widerstand gegen Hitler leisteten und dafür hingerichtet wurden. Neben der eigentlichen Gedenkstätte findet sich eine schlichte und darum ansprechende Ausstellung über die Hintergründe der Ermordung der vier Priester. Der Dom ist dann eher uninteressant, Hauptattraktion ist eine aufwändig gestaltete Uhr, aus der zu jeder vollen Stunde ein geschnitzter Sensenmann heraustritt, um die Stunde zu schlagen. Schon ein bisschen müde laufen wir durch Hinterhöfe und am Ufer entlang Richtung Holstentor, genießen die Nachmittagssonne in einem Café an der Obertrave, wo wir ein Bier trinken. Zum Abschluss des Besichtigungsprogramms besuchen wir das Buddenbrookhaus in der Mengstraße. Leider bleibt bis zur Schließung des Museums nur noch eine Stunde Zeit. Wir verbringen zunächst eine halbe Stunde im Erdgeschoß, wo allgemein über die Geschichte der Familie Mann informiert wird, in der zweiten halben Stunde widmen wir uns der Ausstellung zum Roman „Buddenbrooks“ , die sich im dritten Stock befindet.

Teil der Ausstellung zum Roman ist eine Zimmerflucht, die liebevoll die Ausstattung im Hause der Familie Buddenbrook nachinszeniert, mit viel zeittypischem Mobiliar und Accessoires, an denen jeweils kleine Schilder mit Nummern befestigt sind. Die Nummern verweisen auf die Seite des Romans, in denen sich Mann über das betreffende Möbelstück oder Accessoires äußert – Exemplare des Romans liegen griffbereit, damit der Besucher nachlesen kann. Unter anderem steht hier ein Harmonium herum, mit aufgeschlagener Partitur des Vorspiels aus Tristan und Isolde, gesetzt für Solopiano. Als Tatsuma sich ans Harmonium setzt und Wagner zu intonieren beginnt, wobei sich das Harmonium nur äußerst widerwillig und mit ächzenden Pedalen die Töne entlocken lässt, befürchte ich, dass wir kurzerhand aus dem Museum herausgeworfen werden. Tatsächlich taucht sehr schnell ein Museumswärter auf, aber überraschenderweise lässt er uns gewähren, und er wartet auch noch ab, als Tatsuma an das Tristan-Vorspiel noch das Adagietto aus Mahlers 5. Symphonie anschließt. Punkt 18 Uhr werden wir dann aber doch hinausgeworfen – weil das Museum um diese Uhrzeit schließt. Mit den Worten „Ich wusste gar nicht, dass das alte Harmonium noch funktioniert“ werden wir vom Museumswärter verabschiedet.

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Wir laufen zur Remise in der Wahmstraße, dort befindet sich das Café „Neue Rösterei“. Für ein als „alternativer Szeneladen“ angepriesenes Lokal ist dies ein ganz schön teurer Laden, allerdings muss man zugeben, dass die kleinen Speisen, die sie anbieten, von sehr guter Qualität sind, und dasselbe gilt auch für ihren Rotwein, von dem wir gleich eine ganze Flasche bestellen. Dazu essen wir eine Käseplatte. Freilich sind wir danach immer noch hungrig. So laufen wir anschließend ostwärts zur Trave und dann am Johanneum entlang. An der Ecke Fleischhauerstraße findet sich die Kneipe „Kandinsky“ und schräg gegenüber vom Kandinsky ein billiger Italiener namens Pizzeria „Mama Mia“ – auf dem Türschild mit drei M und auf der Speisekarte mit vier M (also „Mamma Mia“) geschrieben -, wo wir uns noch eine Pizza und einen Salat teilen.

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Schließlich holen wir die Fahrräder am Marktplatz ab und fahren auf dem Rückweg ins Hotel an einem Waschsalon vorbei – ein geplanter Zwischenstopp, denn hier können wir die (den ganzen Tag über im Rucksack mitgeschleppte) Wäsche waschen. Ein freundlicher Servicemann kommt gegen halb 11 hinzu um zu putzen. Wir warten derweil darauf, dass der Trockner unsere Wäsche wieder ausspuckt. Um die Zeit zu vertreiben, erfinde ich ein Spiel, bei dem wir beide je fünf Städte eines bestimmten Landes auf eine Liste schreiben und dann jeder für sich diese zehn Städte der Einwohnerzahl entsprechend sortieren muss. Am Ende vergleichen wir unsere beiden Listen im Internet mit den tatsächlichen Gegebenheiten und vergeben pro Abweichung einen Minuspunkt. Wer die wenigsten Minuspunkte hat, gewinnt. Tatsuma gewinnt bei USA und Japan (war ja klar), bei Italien gewinne ich, und bei Deutschland und Frankreich geht das Spiel unentschieden aus.

Mit der gewaschenen Wäsche fahren wir ins Hotel und planen mühsam den nächsten Tag. Tendenziell wollen wir nach Travemünde und dann an der Ostsee entlang bis nach Neustadt. Aber an der Küste ist partout keine günstige Unterkunft zu finden. Also suchen wir landeinwärts. Erst in der Umgebung des Plöner Sees werden wir fündig. Wir reservieren in einem ansprechenden kleinen Ferienhaus am Stocksee, der sich südwestlich des Plöner Sees befindet. Sollte es tatsächlich morgen regnen, so würden wir mit dem Zug bis Plön fahren und dann nur das kleine Stück zum Stocksee mit dem Fahrrad zurücklegen.

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Mittwoch, 3. August: Travemünde – Pönitz (22km) / Ascheberg –Stocksee (9km)

Es regnete schon am Vormittag. Wir hatten Frühstück in im „Herrenhof“, das war ganz gut – normales Frühstücksbüffet. Als wir die Taschen auf die Räder packten, regnete es immer noch, und die Chefin des Hotels schlug vor, dass wir in der Lobby warten sollten, bis der Regen etwas nachließe. Sie spendierte uns noch einen Pott Kaffee, um die Wartezeit zu überbrücken. Aber auch Warten half nichts, der Regen hielt an. Um halb eins fuhren wir dann einfach los, und da regnete es immer noch….

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Die Stationen des Tages: Mit dem Fahrrad zunächst nochmal in die Lübecker Altstadt, wo wir Niedereggers Marzipangeschäft besuchten, direkt gegenüber vom Rathaus in der Fußgängerzone gelegen. Anschließend ins Marzipanmuseum an der Untertrave. Dann eine kurze Umrundung der Veranstaltungs- und Konzerthalle Lübecks, die sich gegenüber vom Marzipanmuseum befindet. Dort wurden gerade Stände für das fürs Wochenende geplante „Duckstein“-Festival aufgebaut (Fress- und Trinkstände und eine Bühne für mediokre Kleinkunst – alles im Zeichen des Biers). Dann zum Bahnhof und mit dem Zug nach Travemünde. Dort haben wir zunächst bei „Fisch Wöbke“ ein Matjesbrötchen und eine halbe geräucherte Makrele gekauft, die wir für später mitnehmen. Anschließend hinaus an den Pier und dann am Brodtener Steilufer entlang, Richtung Timmendorfer Strand.

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In Travemünde regnete es auch, aber eher Nieselregen und durch diesen Nieselregen kämpften wir uns am Steilufer entlang über ziemlich matschige Wege. Kurz vor Nienburg bemerkte ich, dass mein Vorderreifen fast keine Luft mehr hatte. Mit Aufpumpen ließ sich das Problem zwar erstmal beheben, allerdings verlor der Reifen weiterhin relativ schnell Luft. Es war aber nicht klar, ob es am Ventil lag, oder ob geflickt werden musste, und solange es so einigermaßen ging, wollte ich nichts reparieren. So ging es durch Nienburg, wo wir einen stärkeren Regenschauer abwarten mussten (klassischerweise mal wieder in einem Bushäuschen) und dann immer auf der Promenade entlang nach Timmendorfer Strand – dort haben wir kurz in den Ortskern geschaut mit der Fußgängerzone, die mir wie ein aufgeblasenes Steinhude vorkam – und dann noch weiter bis Scharbeutz. Von dort schräg rüber nach Pönitz, von wo wir den Zug nach Ascheberg (am Plöner See) nahmen – wir mussten ja zu unserem Quartier am Stocksee, und Ascheberg ist der nächstgelegene Bahnhof Richtung Stocksee.

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Timmendorfer Strand

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Pönitz, Bahnhof

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Pönitz war wirklich eine Wucht. Die toteste Stadt Deutschlands. Das Bahnhofsgebäude zerfallen und halb in sich zusammengestürzt, grob mit Brettern vernagelt – Am Bahnsteig ein Automat, um Fahrkarten zu kaufen. Keine Geschäfte im ganzen Ort, nur eine Apotheke. Und eine Automatentankstelle. Und eine Art Spirituosenverkauf, um die Depression wegzutrinken. Der Geldautomat der Volksbank gegenüber vom Bahnhof verbarrikadiert, davor ein Schild: Wegen Einbruch geschlossen. Den Schäden am Gebäude nach zu urteilen, war der Geldautomat offenbar gesprengt worden. Traumhaft. Wir warten eine halbe Stunde auf den Zug, und immer mal wieder heftiger Regen zwischendurch, den wir unter dem Tankstellenvordach abwarten (der Bahnsteig ist nicht überdacht). Im Prinzip hatten wir an diesem Tag aber noch Glück mit dem Regen: die heftigsten Schauer gingen runter, als wir gerade nicht auf dem Rad saßen.

Dann mit dem Zug nach Ascheberg, wo wir im lokalen Edeka-Markt etwas Gemüse und Bananen, Melone und ein Ministück Käse kaufen. Wir essen im Restaurant am See in der Nähe des lokalen Campingplatzes – nachdem wir feststellen müssen, dass das griechische Restaurant am Bahnhof völlig überfüllt ist. Um 19:45 Uhr brechen wir von Ascheberg aus auf. Es gibt ein paar bedrohlich dunkle Gewitterwolken, aber auch ein paar sonnige Steifen am Himmel, beeindruckendes Farbenspiel. Es folgt wieder der obligatorische Schneckenslalom – und diesmal sind auch noch Frösche dabei (ganz kleine, daumennagelgroß, die völlig verwirrt in der Gegend herumhüpfen und daher noch schlechter auszurechnen sind als die Schnecken). So geht es wieder sehr langsam voran. Um 20:50 sind wir am Ziel.

Die Unterkunft sehr nett, die Gastgeber ebenfalls. Beide ca. Mitte 50, der Mann eindeutig aus der Gegend stammend, spricht fast platt, die Frau aus Berlin, aber schon seit Jahren hier lebend. Sie ist Pferde- und vor allem Schafnärrin. Das spiegelt sich in der Wohnungseinrichtung. Kein noch so kleiner Gegenstand – vom Geschirr bis zur Stickerei auf den Handtüchern, vom Tapetenmuster bis zur Seifenschale -, der nicht mit Schafen dekoriert wäre. Ein bisschen arg zwanghaft das Ganze – und auch die Bücher im Regal handeln sämtlich von Schafen. Tatsuma und ich hatten überlegt, ob wir evtl. noch einen Tag dranhängen, um ohne größeres Gepäck von hier aus eine Tour um den Plöner See herum zu unternehmen, aber leider ist die kleine Ferienwohnung am nächsten Tag schon wieder mit neuen Gästen belegt. Daher suchen wir für den nächsten Tag eine Unterkunft – und werden in Rathjensdorf, 4 Kilometer nördlich von Plön, fündig.

Als zweites Abendbrot essen wir die in Travemünde gekaufte Makrele und dazu etwas Brot und eine Brezel und trinken Wein. Die Makrele ist absolut köstlich und die abendliche Atmosphäre in der kleinen Ferienbutze sehr angenehm. Man ist hier wirklich „auf dem Land“. Tatsuma erzählt, dass er als Kind eine Schnecke als Haustier gehabt habe. Nach drei Wochen sei sie gestorben, weil er vergessen habe, sie mit Wasser einzusprühen. Sie sei einfach vertrocknet. Deshalb sei ihm sehr viel daran gelegen, nicht noch weitere Schnecken ins Jenseits zu befördern und deshalb werde er immer besonders langsam fahren, sobald sich Schnecken auf der Fahrbahn bemerkbar machen.

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Travemünde-Pönitz

Ascheberg - Stocksee

 

Donnerstag 4. August: Stocksee – Rathjensdorf (30km)

Der Wecker klingelt um 9 oder halb 10, jedenfalls viel zu früh für unseren Geschmack. Astrid, unsere Vermieterin, hat uns einen Beutel mit frischen Brötchen an die Tür gehängt, dazu zwei Eier und ein Glas Marmelade. Zusammen mit der kleinen Ecke Käse und den Tomaten, den Bananen und der Melone, die wir gestern gekauft haben, gibt das ein passables Frühstück, allerdings lässt sich in der Ferienwohnung weder Kaffee noch Tee (und leider auch keine Butter) auftreiben, so dass wir zum Frühstück mit Leitungswasser auskommen müssen.

Nach dem Frühstück repariere ich den Vorderreifen meines Fahrrads (über Nacht ist sämtliche Luft entwichen). Das Loch ist schnell gefunden, und das Flicken geht ganz rasch von der Hand. Dabei kurze Unterhaltung mit dem Mann von Astrid, der interessiert zuschaut. „Mit Fahrrädern hab ich nichts am Hut. Ich fahr mit dem Auto – und für kurze Strecken habe ich meinen Quat. Ich hab auch immer schon hier gewohnt, aber meine Frau ist nicht von hier. Die hab ich in Berlin shanghait…“

Um 12 Uhr brechen wir auf. Bis dahin war es bedeckt, aber im Laufe des Tages wird es zunehmend sonnig, wenn auch mit zwischendurch bedrohlich dunklen Wolken, die aber nie zu Regen führen.

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Wir fahren um den Stocksee herum, nette Nebenstrecken und Wanderwege, tolle Blumenwiesen, sehr üppige Natur, dann bis nach Bosau mit der beeindruckenden weißgetünchten Petrikirche, einer kleinen Wehrkirche, klein, aber würdevoll oberhalb des Sees gelegen, mit einem ebenfalls ganz schönen Friedhof drumrum. Drinnen üben gerade zwei russische Frauen für ein Konzert – die eine spielt Spinett, die andere singt dazu herzzerreißend schön christliches Liedgut. Beeindruckend die Christusdarstellung über dem Altar: Auf Holz gemalt wird Jesus am Kreuz porträtiert. Um ihn herum schweben vier Engel, die sein Blut auffangen. Das Blut wird durch rot lackierten Eisendraht dargestellt, der die Wunden Jesu mit jenen gemalten Kelchen verbindet, die die Engel in den Händen tragen. Diese naive Darstellung wirkt zwar amüsant, aber dennoch ist die Malerei mit großer Ernsthaftigkeit ausgeführt und verfehlt daher nicht eine besondere Wirkung. Die linke Hälfte des Kirchenschiffs ist mit einer Art Holzarkaden verblendet, die offenbar schon sehr alt sind.

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Wir kehren im Gasthaus „Schwanensee“ ein, wo man auf einer etwas lieblos mit Campingstühlen ausgestatteten Terrasse sitzt, und essen Matjes mit Bratkartoffeln und einen Putencurry, der nach allem möglichen schmeckt, aber sicher nicht nach Curry – und der vor allem viel zu süß ist. Die eigentliche Spezialität des Lokals sind Windbeutel, wobei diese als Schwan dekoriert werden. Das Gebäck wird so aufgebrochen, dass die Seiten wie Flügel abstehen, dann wird alles mit Sahne gefüllt, bis es an allen Ecken herausquillt. Eine S-förmig gebogene Waffel obenauf ergibt die Anmutung eines Schwanenhalses. Dieses Süßspeisenmonstrum erfreut sich bei den Gästen größter Beliebtheit, aber wir verzichten drauf. Die Gäste wiederum erfreuen sich größter Beleibtheit, was ja kein Wunder ist bei solchen Spezialitäten.

Dann der schönste Abschnitt der Strecke, zwischen den Seen entlang auf einer gut ausgebauten sandigen Radstrecke Richtung Plön. Der bislang schönste Radweg. Aber zunächst halten wir auf einer großen abgemähten Wiese am Wasser an und legen uns dort auf eine Decke zum Sonnen und Dösen – nach dem Essen sind wir sehr müde. Die Stechfliegen um uns her machen diese Rast allerdings zu einem kurzen Vergnügen.

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Dann erreichen wir Plön, das sich lang am nördlichen Seeufer hinzieht. Man fährt auf schmalem Weg zwischen Ufer und Bahngleisen bis zum Schloss. Das Schloss liegt schön, glänzt weiß, sieht aber aus der Nähe auch ziemlich langweilig aus. Klassizistische Herrenhausarchitektur: Haupthaus und zwei Flügel. Eintritt nur für angemeldete Gruppen. Die Lage des Gebäudes ist hier die wesentliche Attraktion. Es gibt auch ein Café in einem angrenzenden ehemaligen Pförtnerhäuschen, vor dem allerdings gerade eine keltisch angehauchte Folkoreband musiziert, was ziemlich unerträglich ist. Mittlerweile sammeln sich auch wieder bedrohlich dunkel wirkende Regenwolken am Himmel, die der Szenerie auf der Schlossterrasse einen etwas theatralischen Anstrich verleihen.

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Plön selbst hat eine Altstadt mit schöner Kirche und belangloser Fußgängerzone, die wegen der alten Klinkerhäuser schön sein könnte, wenn sie nicht so hässlich wäre wie fast alle Fußgängerzonen Norddeutschlands. In der Kirche, die innen vor allem durch die interessante Deckenbemalung (sehr kleinteilige und farbenfrohe Muster) beeindruckt, übt ein Chor für ein an diesem Abend stattfindendes Konzert. Laienchor mit Anspruch und einer höchst engagierten Chorleiterin. Geprobt wird ein von Max Reger komponiertes Vaterunser, dessen Harmonien interessant klingen. „Reger ist eine Sackgasse der Musikgeschichte“, befindet Tatsuma, er habe keine nachhaltige Wirkung entfaltet.

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Wir überlegen, dass wir erst noch essen sollten, bevor wir zu unserer Unterkunft nach Rathjensdorf fahren, und kehren nach etwas Herumgesuche in dem Lokal „Eisenpfanne“ ein, wo man italienisch, balkanisch und griechisch grillt und auch noch Pizza serviert. Sozusagen ein Imbiss der feineren Art, der sich höchster Beliebtheit bei den Plönern erfreut, die ansonsten vor allem durch Miesepetrigkeit und Spießertum auffallen. Mehrmals werden wir ermahnt, von den Fahrrädern zu steigen, obwohl wir niemanden stören, einfach so, weil Ordnung herrschen muss. Fazit: Plön ist eine unangenehme Stadt, die dringend eines Eulenspiegels bedürfte, um die verknöcherte Bewohnerschaft vor den Kopf zu stoßen. Als wir nach dem Essen noch bei Lidl etwas einkaufen gehen, gerate ich zu allem Überfluss in ein Wortgefecht mit einem schon ziemlich alkoholisierten Hundebesitzer, dessen Kläffer versucht, mich zu beißen. Ach Plön, du Nazi-Kaff, mögest du im morastigen Grund deines Sees ersaufen!

Dann geht es in schon leicht dämmerigem Licht über nicht leicht zu findende Radwege durch die Felder oberhalb Plöns nach Rathjensdorf, wo wir im „Dörpskrug“ unterkommen. Auf dem Weg zunächst wieder Schnecken, aber dann auch ein Reh auf dem Anger und schöne Abendwolken über Stoppelfeldern. Der Dörpskrug ist ein äußerst geräumiges Gasthaus, das nur an zwei Abenden der Woche geöffnet hat („à la carte gibt’s bei uns nicht“ steht auf einem Schild vor der Tür). Angeschlossen an das Gasthaus ist ein Gebäudetrakt mit zehn kleinen Zimmern, alle etwas lieblos eingerichtet und verbaut, mit Dusche und WC auf dem Gang. Für den Preis ist das altertümliche Ambiente ganz okay. Unser Wirt ist ein Bauer mit sehr breitem Radstand, der das Sprechen auch nicht gerade erfunden hat.

Wir sind müde, suchen aber vor dem Schlafengehen noch eine Bleibe in Kiel, unserem nächsten Ziel, wo wir zwei Nächte bleiben wollen. In der Stadt ist es natürlich kein großes Problem, eine adäquate Unterkunft bei Privatleuten zu finden.

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Stocksee - Rathjensdorf